
DAS DSCHUNGELORCHESTER
| Alle Neune "Mißtraue der
Idylle!' warnte uns einst schon André Heller, Seien Sie also gewarnt vor
dieser Musik. Idylle ist oft der Vorhof zur Hölle. Kaum genießen Sie
eine schöne Phrase sind Sie schon drinnen. 9 Herren in geistlichem
Gewande betreten die Bühne, noch einem Gang durchs Auditorium, in
gemächlichem Tempo. Segen wird gespendet, zweideutige Bewegungen nicht
unterlassen. Seltsamerweise ist dieser Auftritt immer wieder witzig, auch
wenn man ihn schon kennt, respektive erwartet. Jedenfalls geht denn auch
noch musikalisch die Post ab, fährt das Ganze, wobei das Tempo auf
sicheren Füßen sieht: Wunderbares Paradoxen der Musik: Damit sie fährt,
muß sie auch stehen ... Natürlich erweckt das Dschungelorchester diverse
Assoziationen, allesamt aus unserem Blasmusik-Erinnerungsrepertoire, also
Tanzboden, also Frühschoppen, also Neue Volksmusik, und also, eh klar,
New Orleans. Natürlich ist man als Cover-Text-Schreiber über Namen wie
"Dschungelorchester" herzlich froh; da läßt es sich herrlich
fabulieren, z.B.: Der Pfad, den es sich im Dschungel der Stile bahnt, ist
keinesfalls ausgetreten, im mehrfachen Sinne. Vorher gab's ihn nicht, den
Pfad, und jetzt ist er noch lange kein bequemer Weg geworden. Da und dort
wuchern Schlingpflanzen herein, lauern wohl auch Stilblüten. Alle Neune
Musiker greifen sich die eine oder andere Blume, jonglieren damit ein
wenig, werfen sie weg, pflücken die nächste, Flurbereinigung, die
unserem Musikwildwald gut tut. Was am akustischen (und optischen!)
Erscheinungsbild des Dschungelorchesters so wohltat, ist die vielfache
Spiegelung, die Selbstreflexion, die Selbstironie. Da nimmt sich keiner
allzu ernst, und hier kommt jetzt doch ein kleiner Vorwurf: Freunde,
habt's ihr vielleicht ein bißl Angst, daß man Euch ernst nehmen könnte?
Albert Hosp
Sagen wir es so: Unter den Gruppenphänomenen, welche das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, ist die Big Band bei weitem das sympathischste. Denken Sie nur an spontan entstehendes Ungemach wie Cola-Dosen-Berge, fotografierende Touristen-Gilden, Tiefkühl-Pommes-Häufchen, Supermarktschlangen oder auch sich zum Zwecke des Rufmordes zusammenrottende Kritikerrunden. Sonderzahl sind jene sich spontan bildenden widerlichen Haufen. Wie erquicklich dagegen eine Big Band! Auch wenn es ihr sollen gelingt, will sie doch lange leben, was uns zum Publikum eines nie endenden archaischen Überlebenskampfes macht. Wir betrachten dabei eine Menge sehr seltsamer Gestalten, die ihre devianten Phantasien kollektiv bändigen, um Schallwellen in den Äther zu schicken. Auf unsere Gunst angewiesen, geben sie vor, uns unterhalten zu wollen, was sie bisweilen zwingt, Bademäntel und Damenstrümpfe anzuziehen und allerlei Schmähungen über sich ergehen zu lassen. Und schließlich der unverzichtbare Big-Band-Vorteil für Kritiker: Zeitersparnis. Je größer nämlich eine Band, desto geringer ist insgesamt die potentielle Anzahl der Bands in einem Lande. Eine klare Rechnung: Wenn etwa zehn Musiker eine Gruppe bilden, ist die Wahrscheinlichkeit, daß jeder dieser Musiker eine eigene Gruppe gründet, sehr gering. Er ist ja schon in einer. Bei zehn Musikern macht des eine Bandersparnis von neun Stück. So gesehen, sollte es nur Big Bands geben, nein: es sollte nur eine einzige, monströse Big Band geben, in der alle Musiker eines Landes zusammenspielen. Aber lassen wir Utopie, wenden wir uns dem Werk selbst zu. Was Sie zu hören bekommen, wird bei ihnen keinen Bandscheibenvorfall auslösen. Es besteht aus vielen kurzen Stücken, was Pausen und damit Dehnungsübungen ermöglicht. Zwischen Spagat und Lotossitz erfreuen Sie jedenfalls langsam aufgebaute Klangflächen, liebliche Flötenmelodien und eine modale Riff-Welt. Karneval-Flair wird natürlich ebenso garantiert wie ein gemütliches Dahintuckern der Töne, die auch vor ausgiebigen musikalischen Selbstentblößungen (Improvisationen genannt) nicht haltmachen. Bisweilen erfolgt dabei eine freejazzige Attacke aufs Nervensystem, wird herzhaft gegackert und und die 60er Jahre gemahnt. Nur kurz allerdings. Im Nu erschallt wieder eine putzige Weise und ordnet die Welt zum Mosaik der Beschaulichkeit. Da und dort ein "du wirst nicht singen!". Ein rockiges Schlagzeug. Sehnsucht noch Mama Afrika. Funkiges. Rührende Gitarren. Stilisierte jüdische Weisen. Doch nicht nur das: Strapaziert das ohnmächtige Dschungel-Häuflein seine Stimmbänder, gibt es sich wechselchörig, als wäre es von Giovanni Gabrieli instruiert worden. Das allerdings ist nicht sehr wahrscheinlich. Nicht so sehr, weil der Venezianische Rannaissancemeister schon seit Jahrhunderten tot ist. Viel eher, weil er mit diesem Chor und seiner alpin-knickerbockerhaften Stilistik wenig anfangen könnte. Wie auch immer. Pipi-Langstumpf-Reminiszenzen, kanarisch verquickt mit universitärem Übermut, und ein hymnisch-rappiges Plädoyer für Ketchup, Mayonnaise und Geschlechtskontakt (ist die Reihenfolge zufällig?) runden die wohlig unrunde globale Musikdorf-Idylle ab. Bei unserer Ehr! Ljubisa Tosic Dschungelorchester Homepage Fotos, Musiker, Torenplan, etc. |
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